Ich habe gelernt zu sprechen, zu laufen, zu essen, zu sein. Ich bin gekrabbelt, habe gebrabbelt, bin gefallen und habe geweint. Aber ich habe gelernt. Mit jedem Anfassen heißer Herdplatten und jedem Feuerzeug-anmach-Versuch. Mit jedem Schritt, jedem Schnitt in den Finger, mit jedem Riss im Hosenbein und jedem blauen Fleck. Mit jedem Landen auf dem Popo und Kopfstoßen, mit jedem Stück Mohnkuchen zwischen den Zähnen und jedem Katzenkot im Sandkasten.
Und dann habe ich weiter gelernt.
Setzen sie sich. Keine Sorge, das wird kein Frontalunterricht, es gibt keinen Test im Anschluss und eigentlich ist nichts davon klausurrelevant.
Ich habe gelernt zu teilen und zu schenken, zu sparen und zu fragen, mich nicht an erste Stelle zu stellen, Rücksicht zu nehmen und aufzupassen. Ich habe Fahrrad fahren gelernt, meinen Gleichgewichtssinn geschult, habe gelernt zu fallen aber nie gelernt Inliner zu fahren. Habe gelernt, zu lieben und Liebeskummer einzustecken, Körbe zu ertragen.
Ich habe gelernt, was Freundschaften sind und das kleine Ein-mal-eins. Und das große. Und Englisch und Deutsch und Gedicht-Analysen und Französisch und Mathe habe ich gelernt und dabei geweint. Die Welt gelernt und Religionen kennengelernt, Flüsse auswendig gelernt und wieder vergessen.
Und ich habe weiter gelernt. Und weiter.
Ich habe Menschen kennengelernt und gelernt sie gehen zu lassen, wenn es Zeit war. Ich habe gelernt, gut von schlecht zu unterscheiden, auszusortieren und mir die besten Beeren rauszupicken, auch wenn sie anderen nicht schmecken. Ich habe gelernt, dass für manche Menschen ich die beste Beere bin und ich habe andere gelehrt, was mir wichtig ist und wurde gehört.
Ich habe Gefühle kennen und fühlen gelernt und unterschieden zwischen Trauer und Wut und gelernt, dass beides manchmal nah beieinander liegt. Ich habe Wutanfälle aushalten gelernt und gelernt, mich zu entschuldigen, um Entschuldigung zu bitten und entschuldigt zu werden. Ich habe gelernt, auszuhalten und dass ich mich anstellen und fühlen darf.
Und ich habe verlernt. Schlechte Angewohnheiten abgelegt. Habe gelernt, meine Kindheit nachzuholen an gegebener Stelle und verlernt, um Verzeihung zu bitten und zu vergeben. Ich habe verlernt automatisch zu lächeln und zu lachen bei jedem Witz, den ein Mann macht. Ich habe verlernt, Männern gefallen zu wollen, unbedingt jedem Menschen gefallen zu wollen und habe manchmal auch das kurz verlernt, neu gelernt, wiederholt, verinnerlicht.
Und dann muss ich noch lernen zu akzeptieren und an anderer Stelle nicht akzeptieren zu müssen. Ich muss lernen, aufzugeben, wenn ich die Einzige bin, die kämpft. Ich muss lernen auszublenden, Scheuklappen muss ich mir anlernen und mehr Mut. Durchziehen, einatmen und ausatmen, innehalten muss ich dringend lernen und neue Vokabeln.
Ich will noch mehr Sprachen lernen, Gebärdensprache und mein Französisch verbessern. Eigentlich will ich Italienisch lernen und sprechen können, doch ich holpere schon durch mein Englisch und laufe rot an.
Ich habe neue Vokabeln gelernt wie »Nein« ohne »Danke« und »Stopp« ohne »Sorry«.
Sitzen Sie noch? Wenn ich genau überlege, müssen Sie sich nicht einmal setzen, Sie dürfen laufen, stehen Sie auf, rennen Sie los, spüren Sie den Wind in den Haaren oder über der Glatze, lauschen sie dem Rauschen in den Ohren und lernen Sie loszulassen. Kommen Sie, wir lernen voneinander, laufen miteinander, gehen gemeinsam immer weiter voran.
Auch wenn wir stürzen und fallen, wir stehen wieder auf und helfen uns gegenseitig hoch wie im Moshpit.
Ellbogen unten lassen, treiben lassen.
Lernen und lernen lassen.
Sarah Lau