»Ich habe den Glauben an die Menschheit verloren«, sage ich dir. Mein Fahrrad stand eine Nacht am Hauptbahnhof und hat am nächsten Tag einen Platten. Nachdem du mir kürzlich erst die neusten Non-Plus-Ultra-Reifen gekauft und aufgezogen hast. »Die gehen nie kaputt«, hast du gesagt. Und jetzt ist doch mein Reifen platt. »Zerstochen«, denke ich. Auf jeden Fall schiebe ich, bis nach Hause.
Setzen Sie sich. Setzen Sie sich auf Ihr Rad und fahren Sie durch Bonn. Stehen Sie. Denn jede Radspur wurde zurück zu einer Autospur gemacht, jede grüne Welle wird von stehenden Autos im Stau unfahrbar gemacht, jeder noch existierende Platz zum Fahrrad fahren wird zugestellt. Setzen Sie sich also lieber ins Auto und stehen Sie im Stau. Oder bleiben Sie am besten daheim.
Über Köln riecht man den Brand in Belgien, im Schnitt schließen wir heute lieber die Fenster. Am Wochenende leuchtete der Himmel über Aachen. »Jetzt geht die Welt unter«, sage ich meinem Kollegen. Er nickt.
Einer sagte mal, man solle einfach keine Nachrichten mehr schauen, um wieder glücklicher zu werden. Doch ich bin glücklich. In all dem Elend und dem Hass bin ich glücklich. Ab und zu. Wenn ich zuhause bin, mit dir, meiner Familie, wenn wir Wein trinken und Canasta spielen.
Und trotzdem habe ich den Glauben an die Menschheit verloren.
Manche Menschen riechen nach Katzenklo und erheben ganz öffentlich die Hand gegen ihre Frau. Manche Menschen streiten sich dumm und dämlich für nichts und wieder nichts. Manche Menschen machen keinen Platz und wissen nicht, wo ihr Körper aufhört und der des anderen anfängt. Manche Menschen schauen weg, schweigen oder sind immer zu laut. Manche Menschen unterbrechen. Aus Unsicherheit, aus Sorge, jemand anderes könnte schneller etwas Gutes sagen und Lob ernten.
Ich habe den Glauben an Männer verloren.
Männer, die selbstverständlich zu viel Raum einnehmen, Beine breit, Armlehne besetzen, selbstverständlich da sind, in meinem Safe Space, der eigentlich nur mein eigener Körper ist.
Ich habe den Glauben an Männer verloren, bis ich dich traf.
Ich habe den Glauben an Väter verloren, bis ich den Mann meiner Mutter traf.
Und manchmal glaube ich nicht, was ich sehe. Sehe mich im Spiegel ganz falsch, höre mich durch Mikrofone verändert an. Dann schüttelt es mich, dann werde ich rot und schäme mich.
Und natürlich ist es nett, dass Menschenkörper auf Social Media mit Hunderassen verglichen werden. Ein Windhund definiert nicht die Schönheit eines Dackels, dann kann der Dackel nur verlieren. Mein Körper sieht so aus, wie er für mich am schönsten ist, dein Gewicht auf meinem Körper wäre einfach nicht richtig. Und trotzdem kann ich noch immer nicht auf einer Waage stehen und sehe natürlich, dass du zweimal in meine Hose passt. Doch du siehst meine Kurven und hättest auch gern so einen Arsch und am Ende schauen wir uns einfach nur an und denken »Schade, dass ich nicht aussehe, wie du« anstatt uns zu sagen, wie schön wir uns finden. Noch immer. Immer noch. Immer wieder.
Ich habe den Glauben an die Menschheit verloren.
Es ekelt mich, wenn ich durch den heißesten Sommer bisher laufe und die Menschen mit Klimaanlagen noch mehr heiße Luft auf die Straße pusten. Wenn Menschen Motoren laufen lassen, damit das Auto innen kühl bleibt. Wenn der Rhein tiefer gebuddelt werden soll, damit Schiffe weiterfahren können. Wenn Wälder brennen und Menschen weiter Feuer legen. Mit Worten, mit Taten.
Dann hält mir einer die Tür auf und ein anderer macht Platz, ein Mensch lächelt mich an und sagt »Danke«, mein Freund plant ein Date, dann ist die Welt wieder in Ordnung, dann ist alles okay.
»Das nennt man bare minimum«, sagst du.
»Doch es hilft«, sage ich.
Meinen Fahrradreifen hast du wieder aufgepumpt und seitdem ist er nicht mehr platt. »Doch nicht zerstochen, alles heile«, sagst du. »Ich glaube nicht«, sage ich und weiß schon nicht mehr, was die Frage war.
Ich glaube nicht. Dabei glaube ich. An dich und an mich und dass da viel Schönes auf uns zukommt, aber ich glaube auch, dass noch viel Schlimmes kommt, generell.
Durch meine JBL-Box dröhnt »Merz leck Eier«. Danger Dan sing »Keine Angst«, mein Onkel hätte das geliebt. Die Menschen rufen dazu auf, wütender zu sein und meine Mutter zeigt Musik von früher. Alles wiederholt sich, alles bleibt gleich, nur etwas beschissener als ursprünglich gedacht.
Doch meine Freundin fragt, ob wir mal wieder telefonieren. Es geht ihr besser. Und du bist da. Meine Mama schreibt »Wir schaffen das zusammen.« Und du bist da. Und wir haben neue Freunde gefunden, mit denen wir ein zweites Studentenleben leben hier in Bonn. Und du bist da. Und müde auf der Arbeit ist immer noch besser als nur auf der Arbeit zu sein. Und jemand hört zu.
Und du bist da. Und ich. Und manchmal haben wir einen freien Abend zusammen.
Sarah Lau