Alaaf am Arsch

»Alaaf am Arsch«, sage ich zu dir, als ich Samstagabend aus dem Fenster schaue und es schneit. Du kränkelst, meine Periode kickt und es schneit. Gerade noch mussten wir das Auto umparken, weil alle Parkplätze für den Umzug gesperrt sind. Gerade noch hast du geschimpft, weil es keine Return-Möglichkeiten in Bonn gibt und man einmal um alle Ecken fahren muss. Gerade noch meinte ich, dass das sogar in Köln besser läuft aber es ja trotzdem nur 10 Minuten waren, die wir jetzt fahren mussten. Und immerhin waren wir zusammen unterwegs. »Alaaf!«, schreibt mein Bruder in die Familiengruppe und »Hasi Palau«, antwortet meine Mutter.

Setzen Sie sich, nein, stehen Sie auf. Schmeißen Sie sich und die Hände nach oben, nach unten, nach links, nach rechts, vor, zurück und dann drehen Sie sich. »Dreh‘n, dreh‘n, dreh‘n, dreh‘n.« »Oben gute Laune, gute, gute Laune! Unten gute Laune, gute, gute Laune!« Euer Hasi palaut hier im Rheinland zu leise, hier wir Leev Marie besungen, wir sind Karnevalsmäuse und schenken uns jeden Danz. Nie mehr Fastelovend ohne dich!

Damals habe ich Schützenfest gehasst, ich habe den Spielmannszug belächelt und die Schützen gemieden, ich habe den König bemitleidet und seine Hofschaar auch. Damals bin ich jedem Dorffest aus dem Weg gegangen, nur das Spieker Fest war ein Muss. Ich habe mich jede Abi Party an meine Freund:innen gehalten und jeder Abschlussball hatte einen festen Plan, der verfolgt werden konnte. Die jungen Leute von damals würden sagen, dass ich maximal unchill war. Heute gehe ich mit auf die Party, auf der ich niemanden kenne, weil ich weiß, dass deine Freund:innen nur toll sein können. Weil deine Freund:innen mit einer Selbstverständlichkeit auch Dinge gendern und weil sie Fragen stellen und Katzen haben. Weil sie nach 2 Minuten Dad Jokes fallen lassen. Und da ich seit dem ersten Tag echte Bonnerin war, gehört Karneval jetzt dazu. Ich weiß, was in meinem Veedel geht, ich kenne die Musik und ich weiß schon heute, was nächstes Jahr mein Kostüm wird. Ich habe ein Lieblings-Karnevalslied, ich kenne den Tontechniker von den Räubern, ich komme nicht aus der Stadt mit K aber ich singe mit. Auch bei Tommi hab ich Heimweh obwohl ich am Rhein steh, und ich hoffe sehr, dass unsere Kinder in Kölle jebore sin, auch wenn wir hier nicht groß jeworde sin, ist Kölle e Jeföhl das bis Bonn, Aachen, Düsseldorf und jedes Dorf dazwischen reicht.
Und immerhin sind wir zusammen.

Wir schenken dem Zoch die Kamelle zurück, wir feiern Kulturen und verbrennen den Nubbel. Und ich war selten glücklicher zu einem Wir zu gehören. Auch wenn dieses Wir an anderer Stelle mehr Müll produziert als das Oktoberfest und auch mal ekelig besoffen ist. Wir feiern heute den Zoch und morgen die Müllabfuhr. Tanzen gestern mit dem Ordnungsamt und kehren heute vor der eigenen Tür, wir verschenken Lächeln und Pfand und trinken aus einer Flasche. Auf gute Nachbarschaft geht gerne mal ein Pinneken kaputt, oder ein Pinn(t)chen, hier vermischt es sich.
Hier gibt’s Känguru- und Kuh-Freundschaften, die sogar ihre Kinder zusammenbringen. Hier gibt’s Familienkostüme im Mario-Universum, hier küsst der Frosch das Hühnernest und lustig aussehen ist das neue Schick. Hier gibt’s Kamille als Kamelle, Äpfel und Blumen und manchmal wird man außerwählt vom Zoch für ein besonderes Geschenk.
Und immerhin sind wir zusammen.

Und das Gute: es ist schnell vorbei. Die Karnevalisten haben Day-Drinking so optimiert und ein jeder ist früh im Bett.

Gute Nacht und bis zum nächsten Jahr.

»Drink doch eine met, stell dich nit esu aan! // Häs de och kei Jeld, dat is janz ejal…«

Sarah Lau