»Das ist das Alter«, sage ich dir. Du wachst jeden Tag um 6 Uhr auf, nach 3 Stunden Theater verhakt sich etwas in meinem Rücken, uns wird schlecht nach einer geteilten Tüte Chips.
»Das ist das Alter«, sagt der Bundeskanzler und meint damit die Ausländer, die Alten, die in ihrer Rente nicht mehr arbeiten, die Teilzeit-Eltern oder die faule Gen Z.
»Du bist Gen Z«, sagst du, »und ich auch.« Ich sage »Nein«, wie so oft. Dich ärgert das, für mich ist es effizient.
Setzen Sie sich, lassen sie uns Generationen besprechen, den Dialog suchen und verstehen, was den anderen bewegt. Lassen Sie uns beim Du bleiben, auf Augenhöhe. Lassen Sie uns einander respektieren und wahrnehmen, jede:r ist gut und gibt ihr/sein Bestes und das ist ok. Zu dieser Zeit ist das ok.
Ich sage: »Du bist zu alt für Gen Z und ich bin irgendwo dazwischen, ich bin ein Zillennial.« Aber am Wochenende in Hamburg werde ich von den Jüngeren gesiezt. »Bitte nicht«, denke ich, doch ich bleibe freundlich.
Alter einschätzen ist so schwer. Meine ehemalige Kollegin ist über 40 und sieht aus wie 30. Mein alter Vorgesetzter ist 50 und sieht aus wie 12. Der neue Nachbar ist Mitte 50 und sieht aus wie 60. Was ein tiefroter Sonnenbrand, Goldkette und schütteres aber noch langes Haar nicht alles ausmachen. Es ist die Angst, die Angst vorm Älterwerden, die Männern das Rasieren plötzlich zur schlimmsten Tortur werden lässt. Rockt die Glatze, rockt die Geheimratsecken. Nichts ist peinlicher als ein Mann, der sich die letzten drei Haare von links nach rechts kämmt.
Die Gen Z ist die verlorene Generation und das stimmt irgendwie, es tut mir leid. Wer die ersten Party-Jahre zuhause in Isolation verbringt, wer online unterrichtet wird, wer mit Kriegsnachrichten aufwacht, nicht von zuhause ausziehen kann ohne Minijob und Nebenjob und Bafög, wer zu viel Auswahl hat und sowieso nichts mehr verdienen wird, der hat von Anfang an verloren. Und dann tut gesunder Egoismus einfach gut. Die restlichen Generationen sind doch nur eifersüchtig, weil sie sich das niemals getraut hätten, als erstes auf sich zu achten.
Unsere Großeltern sind die Kriegsgeneration, die eigentlich nur wieder aufbauen musste, was andere kaputt gemacht haben. Keine Frage nach: »Wie geht es dir und was willst du eigentlich?« Ihre Kinder, unsere Eltern, waren Arbeiterkinder. Leistung ist alles aber der Horizont ist ohnehin begrenzt, da kann man sich erstmal einen trinken und gemeinsam eine rauchen. Sowieso ist man zusammen stärker als allein und die Welt geht wieder bergauf, da geht man gerne mit, da krempelt man die Ärmel hoch und packt mit an. »Wir steigern das Bruttosozialprodukt«, die Babyboomer, viele Geschwister und noch mehr Freunde, Verbündete mit Kampfgeist, mein Onkel hat Blumensamenbomben geworfen, »Atomkraft? Nein Danke!« Und jeder ist willkommen.
Und wir sollen jetzt Leistung erbringen, Akademiker werden. Wir sollen zufrieden sein und mitgehen, weiter voran, aber um uns herum fällt alles zusammen. Und plötzlich sprechen wir von Therapie, von Kindheitstraumata und wollen akzeptiert werden, wie wir sind, von einer Generation, die sich selbst nicht akzeptieren konnte, die von Diät zu Diät gesprungen ist und trotzdem nie genügte. Die sich verloren hat in den Ansprüchen der Welt, die unbegründet doch zu jeder Zeit an jedem Ort Gesetz waren. Für die Arbeit und Fortschritt identitätsstiftend war, die nie gefragt wurden »Wer bist du? Wer willst du sein?« Denen nur gesagt wurde »Komm mit!« Das ist schön und schmerzhaft zugleich, nur dass Schmerzen und Sorgen damals nicht erlaubt und heute belächelt werden.
Meiner Mutter tut unsere Generation leid, die wir irgendwo dazwischen sind. Zwischen Leistung und Selbstakzeptanz, zwischen hohen Mieten und Krieg, zwischen selbstbeweihräuchernden Präsidenten und uneinsichtigen Bundeskanzlern.
Ich kaufe mir eine Jacke, funktionsfähig soll sie sein, gegen Regen und Wind schützen und ein bisschen wärmen aber nicht so viel wie meine Winterjacke und am besten nicht mehr als 100 Euro kosten. »Witz komm raus«, hätte meine Mutter gesagt. Das gibt es nicht, nicht mehr, nicht für das Geld.
Aber früher war nicht alles besser, früher war alles anders. Früher ging es auch schon bergab und jetzt sind wir fast angekommen, im Tal, ganz unten, kurz vor knapp, kurz vor Ende.
Die Uhr des neuen Nachbarn steht auf 5 vor 12. Immer. Das zeigt seine Kreativität und ich merke, dass er gerne darauf angesprochen werden möchte. Ich tue ihm den Gefallen nicht. Ich gefalle nicht mehr, nur dem, der mir gefällt. Ich leiste meinen Teil, trage bei zu einem besseren Wir, doch ich gleiche nicht mehr aus, nicht den, der sich zu viel Raum nimmt. Das ist nicht meine Aufgabe.
Vielleicht bin ich doch Gen Z, vielleicht kann ich noch was von ihnen lernen und vielleicht mache ich das gerne. Vielleicht bin ich manchmal neidisch auf das Selbstbewusstsein dieser Generation, vielleicht tut sie mir leid, vielleicht tun wir uns leid, alle zusammen und vielleicht finden wir darin eine Gemeinsamkeit, gemeinsame Stärke, einen neuen Weg.
»Und vielleicht bist du auch Gen Z«, sage ich dir, »auch wenn du schon 30 bist.« Aber dir schmeichle ich gern, dich mag ich. Und jedes Geben gibt zurück. Mit dir hab‘ ich Glück.
Sarah Lau