»Wie viel Energie hast du noch?«, frage ich dich am Ende des Tages. Du bist bei 10% angekommen, doch die müssen noch reichen für zwei Mails und eine Überweisung. Du sagst, du brauchst eine Stunde Pause, dann ist dein Akku wieder voller. Ich hätte mir die Pause nicht gegönnt, doch kaum liege ich auf dem Sofa, fallen mir die Augen zu.
Setzen Sie sich. Bleiben Sie still, ruhig, legen Sie beide Hände flach auf die Knie, konzentrieren Sie sich auf die Atmung und atmen Sie ein und aus. Länger ein, länger aus. Halten Sie an, halten Sie ein, aktivieren sie den Stromsparmodus, laden Sie sich auf. Für uns Menschen gibt es keinen Schnellauflader, keine 100% in 20 Minuten. Das ist ein Irrglaube. Ein Powernap bringt uns auch nur so gerade heil nach Hause.
Wenn du in der Nähe deiner Partnerin/deines Partners schläfrig wirst, dann liebst du sie/ihn wirklich. Und ich bin so gerne müde mit dir. Fühle mich wohl und geborgen, sicher und angekommen. Ich versuche Schutzschild zu sein für dich, so wie du für mich. Wir bauen uns eine Burg, lassen Wassergräben ein, ziehen die Mauern hoch. Und in dieser kleinen Burg geben wir aufeinander acht. Laden Freunde ein, Familie, lassen Kerzen warmes Licht verteilen, gutes Essen den Raum mit Duft erfüllen, Speicheltropfen laufen, Alkohol fließen.
»Ich brauche Urlaub«, sagst du. »Du brauchst vor allem einen neuen Job«, sage ich. Und ich will meinen behalten. Auch wenn er mir wenig Tage Urlaub gönnt, gönnt er mir doch Erfüllung und Freude. Mach dein Hobby zur Arbeit, dann musst du nie wieder arbeiten. »Vielleicht schreibe ich noch ein Buch«, sage ich zu meiner Mutter. »Damit verdient man doch heute kein Geld mehr«, sagt sie und ich sage »Ja. Und? Vielleicht schreibe ich einfach so nochmal ein Buch.«
Vielleicht schreibe ich auch einfach weiter diese Kolumne, diesen Ausblick, Einblick, je nachdem von welcher Seite man schaut. Lade Sie dazu ein, einen Blick nach Bonn zu erhaschen, in mein Gehirn, mein Herz, mein Bauchgefühl.
Gerade jetzt knurrt mein Magen. Gerade jetzt ziert mein Kopf eine Gewitterwolke. Gerade jetzt liegt ein Stein schwer auf meinen Schultern. Doch gleich kommst du. Nimmst ihn mir ab, gleich komme ich zur Ruhe.
»Kannst du noch schnell…?«, habe ich früher zu oft gehört, dass meine innere Stimme es noch heute wiederholt wie ein Gebet, eine Routine. Wenn ich ohnehin duschen gehe, kann ich die Dusche auch vorher schnell putzen. Im Homeoffice kann ich die Pause gut zum Wäsche waschen und Bad putzen nutzen. Ich räume noch schnell auf, dann kann der Staubsaugroboter saugen. Ich spüle schnell die drei Teile und wenn ich dann eh das Wasser laufen habe, kann ich auch noch die Oberflächen abwischen und die Blumen gießen.
Du bist mein Pausenmanager, mein Trinkbrunnen, mein Cool Down.
Wie wird man diese Verantwortung los? Den Mental Load? Wie kann ich loslassen, wäre da niemand, der annimmt? Und wieso habe ich trotz Partner, 50/50 noch immer das Gefühl, mehr leisten zu müssen? Zu übernehmen, mich zu entschuldigen, wenn ich nicht schon am Wochenende ein sauberes Bad noch sauberer gemacht habe.
»Wie viel Energie hast du noch?«, fragst du mich.
Ich belüge mich selbst. Meine 10% sehen aus wie 50%, meine 20% verkleiden sich als 80% und meine Müdigkeit als »Geht schon!«.
Dann rufe ich meine Mutter an. 2 Hüft-OPs später, 2 Knie-OPs vor der Brust. Und ich frage, wie es geht. Und sie sagt »Geht schon so, alles gut.«
Alles gut.
Alles ok.
Sarah Lau