Mein Körper ist meine Erde. Ich lege Bomben, baue Brücken, ich lasse Landkarten malen, Windräder bauen, manches vergrabe, verschütte ich hastig, dann bleibt ein Berg, ein Hügel, vielleicht ein Vulkan, mal sehen, wann er ausbricht.
Setzen Sie sich. Setzen Sie sich in meinen Park, es gibt Birken hier, weil die sich am leichtesten von anderen Bäumen unterscheiden lassen. Zarte, weiße Birken. Zwischendrin eine Tanne, einen Vogelbeerbaum, wie damals vor meinem Fenster im Dorf. Die Wände gelb, orange angemalt. Jetzt lebe ich in Weiß. Setzen Sie sich, strecken sie die Nase in die Sonne, wer weiß, wie lange sie bleibt.
Es ist April. Mein Körper bewegt sich zwischen Schweiß und Kälte, Nässe und Nebel. Ich sehe kaum, was sich vor mir bewegt, sehe noch nicht, was nächste Woche passiert, doch mein Körper spürt schon.
Mein Körper ist meine Erde und manchmal lasse ich es regnen. Einfach so, ganz unbedacht, unaufhörliches leises Plätschern. Manche merken es nicht einmal, manchmal tut das gut, manchmal überfordert es meinen Boden, meine Haut, lässt sie aufquellen.
Mein Körper ist meine Erde. Jedes neue scharfe Messer hat Spuren hinterlassen, Narben, Krater. Jeder Treppensturz, jeder unüberlegte Absturz in der Nacht, am Tag, jede Sorge, jeder Streit. Falten, angeknackste Knochen.
Wie verrückt, denke ich, mein Körper, der im Bauch meiner Mutter heranwuchs, mit mir groß wurde, mich umringt, abgrenzt von der Außenwelt, Schutzpanzer und Antrieb ist und ich mache ihn kaputt.
Vielleicht ist es dieses Erwachsen werden, vielleicht unsere Generation. Ein Tag geht um wie ein Schnipsen, ein Monat wie ein Wimpernschlag, ein Jahr wie ein Monat. Und ich sorge mich um meinen Körper, ich schaue ihn an im Spiegel, ich packe ihn dick ein, wenn es kalt ist, ich lasse ihn frei, wenn die Sonne scheint. Meine Hände pflege ich, auch wenn sie nur Tastaturen berühren. Meine Beine, die mich tragen, werden zu selten eingecremt. Mein Gesicht wird mit Sonnencreme geschützt – immerhin das – und wenn ich mein Stirnrunzeln bemerke, lasse ich sie los.
Ich lasse los. Beim Joggen von der inneren »Du kannst das nicht, du kommst nicht mehr zurück«-Stimme. Gebe mich dem »Ich bin stark und schnell« hin, auch wenn sie mich überholen. Mein Tempo, mein Weg, gut genug.
Meine Füße, meine Zehen, meine Oberschenkel, mein Rücken, mein Bauch, meine Brust und meine Arme. Mein Nacken, mein Haar. Wird immer länger. Und alles wird immer mehr okay.
Jede Narbe ist verheilt, mein Körper macht das schon gut. Jeder Sturz wird abgefedert, jeder Muskel neu aufgebaut, an manches erinnert sich mein Körper besser als ich. Dann schickt er Warnsignale, Sirenen dröhnen über meine Erde, Motoren setzen zurück. Oder mein Körper ist verliebt. Dann wird er warm, die Sonne strahlt, ein leiser Wind weht durch meinen Kopf, Segel setzen.
Und manchmal muss ich lachen. Wenn ich mich im Spiegel betrachte, morgens nur mit Unterwäsche dort stehe und mit langen Socken. Das ist witzig, mein Körper ist witzig und manchmal sehe ich witzig aus. Manchmal erstaunlich lässig, manchmal zurecht gemacht, professionell. Manchmal wie 30. Und rosa steht mir gut, mein altes Ich hätte das peinlich gefunden, ich finde es gut.
Mein Körper ist gut. Körper sind gut. Sauna ist gut, dann sehe ich, jeder Körper existiert, so viele Narbe existieren. Narben, die das Leben zeichnet. Kämpfe, die wir ausgetragen und gewonnen haben. Mal den Kampf mit einem dummen scharfen Messer, mal den Kampf gegen Krebs oder gegen uns selbst.
Und irgendwann ist unser Körper weg, geht wie er entstanden ist, einfach so.
Mein Körper ist meine Erde. Riesig, wunderschön und einzigartig. Er steckt Bomben weg, nimmt Risse in Kauf, er verändert sich stetig und geht mit der Zeit. Mein Körper kann stark sein und auch mal ganz schwach, doch er bleibt immer liebenswert, immer da.
Mein Körper ist meine Erde und du darfst Landkarten malen.
Sarah Lau